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23.04.2005

Naturschutzgebiet Wagbachniederung

Eine Exkursion bei Waghäusel / Alt- / Neulußheim / Rheinhausen-Oberhausen

Eine Besonderheit Hockenheims ist, das man von hier aus recht schnell sehr viele Naturschutzgebiete unterschiedlichen Charakters erreichen kann. Das nutzt die NABU-Ortsgruppe Hockenheim stets ganz gut und lud im Frühjahr zu einer außergewöhnlich vielversprechenden Exkursion in ein riesiges Feuchtbiotop ein. 25 Teilnehmer folgten der Einladung in die Wagbachniederung.
Foto: Täglich trifft man, wie eben hier einen Hockemer, mit Spektiv, Kamera oder Fernglas ausgerüstete Vogelinteressierte, die oft von weit her anreisen. Denn nicht jeder hat ein solch interessantes Gebiet direkt vor der Haustüre.

Gerade nur einen Tag nach der Hockenheimer NABU-Gruppe wunderte sich eine eine Exkursionsgruppe mit Dr. Friedrich Raque ( Heidelberger NABU ) über die faszinierend vielfältige Vogelwelt des Naturschutzgebietes Wagbachniederung. Das Gebiet ist offensichtlich ein sehr begehrtes Ausflugsziel.

Das 223,5 ha große Naturschutzgebiet Wagbachniederung gehört zum Kreis Karlsruhe wie auch zum Rhein-Neckar-Kreis. Die Gemarkung fällt dabei den Gemeinden Oberhausen-Rheinhausen, Waghäusel, Altlußheim und Neulußheim zu.

Nördlich von Waghäusel wurde vor etwa 8000 Jahren eine Rheinschlinge durch Verlagerung des Flußbetts vom Hauptstrom abgetrennt. Hier wuchsen nach der Verlandung des Altwassers Schilf, Rohrkolben und Großseggen, die Torf bildeten. Dadurch entstand ein rund 700 ha großes Niedermoor. Hier liegt heute das Naturschutzgebiet Wagbachniederung.

Der ursprünglich bis zu 4 m mächtige Torfkörper wurde bis etwa 1900 auf über 100 ha abgebaut und als Heizmaterial verwendet. Seit der Gründung der Zuckerfabrik im Jahre 1837 fand eine grundlegende Veränderung der Lebensräume statt. Der südliche Bereich des Gebietes war bis 1995 / 1996 als Klärgebiet für die Abwässer aus der Zuckerherstellung und als Schlammdeponie genutzt. Die nach der Abtorfung und Entwässerung übriggebliebenen Niedermoorflächen wurden dadurch nachhaltig beeinträchtigt und zerstört.

Foto: Fabrik-Idylle im Schutzgebiet. Die ehemalige Zuckerrübenfabrik kontrastiert eindrucksvoll zum heute bestehenden Feuchtbiotop.

Damit starb hier zwar eine große Zahl seltener Pflanzenarten aus. Doch entwickelte sich damit das heute größte Schilf-Flachwasser-Biotop im nördlichen Baden-Württemberg. Es ist eines der bedeutendsten Areale für Vögel in der nördlichen Oberrheinebene und ein Brutgebiet von internationalem Wert. Die Ausweisung als europäisches Vogelschutzgebiet trug diesem Umstand Rechnung. Schlammige Flachwasserbereiche und im Spätsommer trockenfallende Schlickflächen sind ein idealer Rastplatz und Nahrungsraum für durchziehende Wat- und Entenvögel. Kürzlich waren dort unter anderem Schwarzhalstaucher, Wasserrallen, Pfeif-, Löffel-, Krick- und Knäkenten, Blaukehlchen, Bartmeisen sowie 2 Rohrweihenpärchen zu beobachten.

Fotos: Vogelkenner sind aufgerufen, uns per eMail die Artennamen nicht nur der unten abgebildeten Vögel mitzuteilen. Die Redaktion Dankt im Voraus!

Schutzzweck laut Verordnung ist die Erhaltung des vielfältig strukturierten Feuchtgebietes in der Randniederung der Rheinaue aus ökologischen und wissenschaftlichen Gründen. Die hohe Schutzwürdigkeit ergibt sich insbesondere aufgrund

1. der internationalen Bedeutung des Gebietes als Brutstätte mehrerer vom Aussterben bedrohter Vogelarten;

2. der international bzw. interkontinental bedeutenden Funktion des Gebietes als Rast- und Nahrungsplatz nordeurasischer Zugvögel;

3. der großen, vielfältig gegliederten Schilfbestände, die im nördlichen Baden-Württemberg einzigartig sind l

4. der besonders großen Biotopvielfalt, die neben ausgedehnten Schlammflächen Reste ökologisch besonders bedeutender Niedermoorflächen des früher berühmtesten Moores in der Rheinaue enthalten.

Seinen Namen erhielt das Naturschutzgebiet durch den Wagbach, der als schmaler Graben durch den alten Rheinbogen fließt und westlich davon bei Altlußheim in den Rhein mündet. Es herrschen vor allem Röhrichte und Gewässer vor. Rund 70 ha des Schutzgebietes sind mit Schilf bewachsen, etwa die gleiche Fläche nehmen Teiche, Tümpel, der Baggersee im nördlichen Teil und Gräben ein. Die Erforschung der Flora des Gebietes reicht bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts zurück. Die Botaniker widmeten sich insbesondere den Streuwiesen und Torfsümpfen mit Quellmoor-Gesellschaften kalkreicher Standorte. Das Gebiet war für seine außergewöhnliche Niedermoor Vegetation bekannt. Noch bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts kamen beispielsweise Glanzstendel, Schlankes Wollgras, Sumpf-Knabenkraut und Langblättriger Sonnentau vor. Heute sind diese Raritäten durch die Nutzung des Areals als Schlammklärgebiet der Zuckerfabrik verschwunden. Geblieben sind Röhrichtarten und Großseggen, so zum Beispiel der Schmalblättrige Rohrkolben und die Fuchs-Segge.

Foto: Hecken und Baumreihen säumen die Dämme und höhergelegene Ufer. Unvermittelter Dinge tauchen daher beim Durchwandern des Schutzgebietes Wanderer und auch Tiefflieger vor der eigenen Linse auf. Solche nährstoffreichen Standorte auf länger trockengefallenen Schlammteichen und Dämmen sind weitgehend mit Brennesseln und stickstoffliebenden Hochstaudenfluren bewachsen. Auffallender ist die Tierwelt der Wagbachniederung. Sie ist von besonderem Wert. Bis zum Jahr 2000 konnten 274 wildlebende Vogelarten nachgewiesen werden, von denen bisher mindestens 105 im Gebiet brüten.

Vergleichbare Vogelbiotope finden sich erst wieder am Bodenseeufer und in oberschwäbischen Rieden. Für viele bedrohte Vogelarten ist das Schutzgebiet einer der wichtigsten Vermehrungsplätze in Baden-Württemberg. Hier kommen beträchtliche Bestände von Zwergtaucher, Schwarzhalstaucher, Purpurreiher, Zwergdommel, Schnatterente, Tafelente, Rohrweihe, Wasserralle, Flußregenpfeifer und Drosselrohrsänger vor. Etwa 80% aller baden-württembergischen Paare des Blaukehlchens brüten im Naturschutzgebiet und seiner unmittelbaren Umgebung. Zur Hauptdurchzugszeit der Watvögel bieten sich die trockengefallenen Schlammflächen der Klärbecken als ideale Rast- und Nahrungsplätze an. An einem Tag konnten auf dem Zug beispielsweise 1590 Kiebitze und 130 Kampfläufer beobachtet werden. Ein beeindruckendes Schauspiel findet im Herbst zur Abenddämmerung statt, wenn große Starenschwärme in das Gebiet einfliegen, um im Schilf zu schlafen. Die in Zweige geflochtenen Hängenester der Beutelmeisen sind auch im Winter zu sehen.

Auch eine Vielzahl feuchtigkeitsliebender Amphibien-, Reptilien-, Kleinsäuger- und Insektenarten leben in der Wagbachniederung.

Foto:
Im Naturschutzgebiet Wagbachniederung liegen die größten Schilfflächen des Regierungsbezirkes. Sie sind ein bedeutender Brut-, Rast- und Schlafplatz für Vögel. Hier nächtigen im Herbst bis zu 100 000 Rauchschwalben und 500 000 Stare.

In den unterschiedlichen Gewässertypen konnten 14 heimische Amphibienarten nachgewiesen werden. Über 100 000 Wasserfrösche wurden bei Massenwanderungen über die alte Bundesstraße 36 gezählt. Bedeutend ist ferner die Population des vom Aussterben bedrohten Moorfrosches mit bis zu 300 rufenden Männchen, die zur Balzzeit prächtig blau .gefärbt sind. Ringel- und Schlingnatter ernähren sich von Kleinsäugern, zu denen auch die bedrohte Sumpfspitzmaus gehört. Unter den 36 beobachteten Libellenarten ist besonders die bedrohte Keilflecklibelle hervorzuheben, die sich in den flachen, schilfbestandenen Gewässern entwickelt. Schilf ist auch die einzige Raupenfutterpflanze für spezialisierte Nachtfalterarten: Die Gelbbraune Schilfeule und der Schilf-Zünsler leben in den Halmen.

Mit 653 nachgewiesenen Arten ist die Gruppe der Käfer (Foto) im Gebiet stark vertreten, ein Großteil davon ist an feuchte Lebensräume gebunden.

Bereits seit 1976 bemüht sich die Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege um die Pflege des Gebietes. In diesem Rahmen wurde die Mahd der brachliegenden Streuwiesen in den Bruchwiesen wieder aufgenommen.

Mit wirkung zum 8. Juli 1983 wurde die Niederung vom Regierungspräsidium in Karlsruhe als Naturschutzgebiet ausgewiesen.

Ein Pflege- und Entwicklungsplan der Bezirksstelle liegt seit 1994 als Grundlage für die Förderung der wertvollen Tier- und Pflanzenwelt vor. Nachdem 1995/96 das Werk der Süddeutschen Zucker AG geschlossen wurde, stand die Sicherung des Gebiets als Rastplatz für durchziehende Wat- und Entenvögel in Frage, denn wegen des dauerhaften Trockenfallens der Schlammflächen und schilfbewachsenen Flachwasserzonen war ein schnelles Zuwachsen der offenen Bereiche zu befürchten. Ein Bewässerungskonzept der BNL wird in Zukunft den Wasserstand in den ehemaligen Schlammteichen regeln. Die Funktion des Areals als international bedeutender Brut-, Rast- und Nahrungsplatz für Vögel ist so dauerhaft gesichert.

Foto: Eine Motorpumpe sorgt beispielsweise für einen gezielt gesteuerten Wasserstand in Teilbereichen des Naturschutzgebietes.

Besucherhinweise:

Das Gebiet kann von der Wallfahrtskirche in Waghäusel über die alte Bundesstraße 36 gut zu Fuß erreicht werden. Ein empfehlenswerter Rundweg mit Einblick auf die freien Schlamm- und Wasserflächen führt entlang der Westseite des Gebiets zum Baggersee, nach Osten auf die alte B 36 und wieder zurück nach Waghäusel. Besonders zu den Zugzeiten von April bis Juni ist die Vogelbeobachtung von den Wegen aus ein beeindruckendes Erlebnis. Hinweise für Angler: Angeln ist nur eingeschränkt erlaubt.



Amtliches

Das Schutzgebiet hat die LfU-Nr.: 2.064, Naturraum: 222 Nördliche Oberrhein-Niederung und auf der TK(25) Nr.: 6717 zu finden. Quellen:###ad, BNL Karlsruhe bzw. Reinhold Treiber)

Artenliste, Beobachtungen 2000-2005 (Auswahl.)

Quelle mit detaillierten Angaben: Birdwatch

1997 min. 102 Arten; 2000 min. 77 Arten

Schwarzhalstaucher Weißstorch Schnatterenten Löffelenten Tafelenten Kanadagans Purpurreiher Weißbartseeschwalbe Trauerseeschwalben Lachmöwen Zwergmöwen Sturmmöwen Kiebitz Hohltauben Turteltauben Kuckuck Eisvogel Mauersegler Rauchschwalben Uferschwalben Beutelmeisen Bartmeisen Drosselrohrsänger Teichrohrsänger Rohrschwirl Feldschwirl Blaukehlchen Nachtigallen Rohrammern Purpurreiher Weißkopfmöwe Höckerschwan Zwergtaucher Haubentaucher Schwarzhalstaucher Kolbenente Gänsesäger Brandente Nilgans Weißstörche Nachtreiher Schwarzkopfmöwen Zwergmöwen Schilfrohrsänger Bruchwasserläufer Flußregenpfeifer Trauerseeschwalbe Zwergstrandläufer Roter Milan Graugans Silberreiher Brandgans Baumfalke Temminckstrandlaeufer Kampflaeufer Bekassine Dkl. Wasserlaeufer Gruenschenkel Bruchwasserlaeufer Mittelmeermoewe Schwarzkehlchen Braunkehlchen Steinschmaetzer Rohrschwirl Drosselrohrsaenger Sumpfrohrsaenger Bartmeise Beutelmeise Neuntoeter Regenbrachvogel Zwergadler der dunklen Morphe Schwarzmilane Sumpfohreule Regenbrachvogel Seidenreiher Baumfalke Zwergschnepfe Bergpieper Knäkente Kampfläufer Rauchschwalbe Dunkler Wasserläufer Dorngrasmücke



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