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Pilze in den Schutzgebieten Sandhausens
von Thomas Hartmann
Unter anderem erschienen in der Rhein-Neckar-Zeitung und der Informationszeitschrift des Regierungspräsidiums Karlsruhe.
Endlich standen die Pläne von Petrus und den Veranstaltern in
Einklang, und 15 Naturfreunde konnten nach mehrjähriger "Durststrecke"
bei nun anhaltendem Herbstregen endlich eine sehr ergiebige kurzfristig angesetzte Pilz-Exkursion mit Professor Wulfart Winterhoff (im Foto liks) unternehmen. Es war
für Sandhausen/Baden die letzte diesjährige Informationsverantaltung der Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege (BNL). Die Exkursion führte
weitläufig über den Dünensand um den Galgenbuckel und in die autobahnnahe Pflege Schönau.
Neben den vielen Pflanzen und Tieren, denen im Jahr 2004 bei öffentlichen Führungen über die Naturschutzgebiete Sandhausens
das besondere Interesse galt, waren es zuletzt die geheimnisvollen Pilze, die im Mittelpunkt standen. Und diese haben überhaupt eine Sonderstellung unter den
Pflanzen. Sie haben zum einen nicht das für Pflanzen typische Blattgrün (Chlorophyll) und stehen biochemisch oft den Tieren näher als
den grünen Pflanzen. Von vielen biologen werden sie bereits nicht mehr zu den Pflanzen gezählt, sonden stellen eine eigene Gruppe der Lebewesen dar. In lebenden
und toten Wirtspflanzen auf und im Dünensand der Sandhausener Natur- und Landschaftsschutzgebiete finden
sich den besonderen Umständen der Landschaft und der Bodenbeschaffenehit entsprechend viele eigentlich eher exotische Pilze.
Rund 700 Arten und Unterarten wurden hier bisher bestimmt. Alle haben sie die Zellfäden, die ihren Nährboden kreuz und quer durchwachsen.
Ohne den "selektiven Blick" des Pilzkenners entgeht manchem Spaziergänger das, was unter der Führung von Winterhoff für
viele Stunden zur puren Faszination werden kann. Entdeckt wurden Pilze in der Größe von Millimetern bis hin zu den mehrere Dezimeter
großen Porlingen.
Der "Narzissengelbe Wulstling" und eine bärtig-zottelige
Entoloma-Art faszinierten in Form und Farbe. Mitunter gestreifte, gepunktete Exemplare und noch ganz andere farb- und musterreiche Exemplare wie der "Gestreifte
Teuerling" (Cyathus striatus) (Foto) Pilze fesselten die Betrachter. Übrigens sowohl im Sandhausener Wald wie auch auf den Lichtungen fanden sich die
Pilze mit ihren Fruchtkörpern in wahrlich sehr großer Zahl.
Die aus zusammenlaufenden Zellfäden gebildeten
oberirdischen Fruchtkörper der Pilze sind es, die man oberirdisch bei der Führung mit Winterhoff zu Gesicht bekommt, so Winterhoff zum Aufbau des Pilskörpers.
Nach ein paar Herbst-Regentagen findet man diese als Schirme auf Ständern oder Korallen ähnelnd (Foto), schlauchartig
und sogar als Becherpilz. Bei der Führung konnte über diese oberirdischen Fruchtkörpern alle paar Meter eine neue Art ausgemacht werden.
Die Unterirdischen Teile der Pilze können noch sehr viel weitläufiger sein.
Der weithin gefragte Pilzexperte stellte dabei auch den erst jüngst hier entdeckten Kiestrichterling als eine besondere Formvariante vor.
Die nach Weihnachts-Schmucksternen aussehenden Erdsterne (Foto) hatten es
manchem besonders angetan. Bei diesen "Erdsterne" genannten Pilzen
schieben sich die noch kapselförmigen Fruchtkörper mit geringem Widerstand aus dem Sandboden. Danach springt die äußere Kapsel
von oben her auf, wodurch sie sich sternförmig ausbildet. Die "Arme" dieser Sterne biegen sich mehr oder weniger noch weiter nach
unten durch, was den Fruchtkörper weiter vom Boden abheben lässt. Aus der verbleibenden inneren Kapsel können so bei günstigem
Wind noch besser die Sporen ausgeblasen und mit dem Wind zur Vermehrung der Art an ähnlichen Standorten verbreitet werden. Als "Hightech"
im Pflanzenreich könnte man die Erdsterne daher bezeichnen. Aber leider reicht diese Raffinesse nicht wirklich, um sich weit verbreitet zu behaupten.
Die Erdsternarten gehören zu den seltensten Pilzen, auch in Deutschland.
Die Naturschutzgebiete von Sandhausen allerdings stellen sich innerhalb
Europas Landschaften als Ausnahme dar. Mit dem größten Artenvorkommen Deutschlands - 12 Arten - kann Sandhausen durchaus als Erdstern-Museum
bezeichnet werden.
Wie die Erdsterne dürfen in den Naturschutzgebieten auch alle anderen Pilze keinesfalls entnommen werden. An wiederum seltene Pflanzen gebunden finden
sämtliche Arten auf den Dünenflächen im Hardtwald ganz seltene Standortbedingungen vor.
Beispielsweise immer seltener vorkommende stickstoffarme Boden- und Luftverhältnisse finden sich noch im Sandhausener Wald - die Robinie bindet leider
über Knöllchenbakterien weiterhin Luftstickstoff im Waldboden. Bedeutsam sind seltene Wirtspflanzen in den hier vielfältigen Wald- und anderen
Pflanzengesellschaften mit besonderem Augenmerk auf die für Mitteleuropa verhältnismäßig recht trocken-warme Standorte in den
Sandhausenern Naturschutzgebieten.
Die offenen Dünenrasen spielen für einen Großteil der Pilze eine entscheidende Rolle. Durch die außergewöhnlichen Standortbedingungen
stellen die Schutzgebiete mit den Bannwäldern mit die pilzartenreichste Stelle des Landes dar. Alleine über 60 bedrohte Großpilz-Arten wurden in
Sandhausens Natur gefunden. Über 30 hiervon sogar stark gefährdet. Etwa 25 Pilzarten finden hier ihren einzigen bekannten Standort innerhalb
Baden-Württembergs, und sechs nach 1980 entdeckte Arten waren bis zu ihrer Entdeckung auf den Dünen der Wissenschaft noch nicht einmal bekannt, was
mit Grund dafür ist, dass auch der Naturschutzdienst des Rhein-Neckar-Kreises ein besonders waches Auge auf das Besucherverhalten in den Schutzgebieten
wirft. Genügend reizvolle Pilze sind leicht von den Wegen aus zu entdecken und sehr gut zu betrachten. Die Wege in den Naturschutzgebieten nicht zu
verlassen und keine Pflanzen zu entfernen, ist Pflicht und Voraussetzung dafür, dass auch noch spätere Generationen Freude an den bunten, gemusterten,
bizarren und hübschen Naturschönheiten haben.
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