15. September 2005
Dossenheim
Geschichte, Fauna und Flora um die Schauenburg
(thh/vv). Die Schauenburg und der darunter liegende Porphyr-Steinbruch so wie der Weinbau in der Umgbung sind Voraussetzung für das Auftreten und den Erhalt mancher Tier- und Pflanzenarten in dem heute daraus resultierenden Areal. Zum Verstöndnis des ganzen dort, geben wir daher eine kleine Einführung in die Kulturgeschichte und Archäologie der großen zusammenhängenden Biotope an der Bergstraße am Rande des Odenwaldes oberhalb der bebauten Ortsgemarkung von Dossenheim.
 Foto: Die Ruine Schauenburg liegt etwa in der Mitte des linke Bilddrittels.
Geschichtliches vom Steinbruch
Bereits 1860 wurde beim Steinebrechen durch private Losbetreiber ein 26-teiliger Bronzedepotfund der Urnenfelderkultur (1300-800 v. Chr.) geborgen, der heute im badischen Landesmuseum Karlsruhe ausgestellt ist. Es soll sich dabei, ähnlich anderen Hortfunden im Oberrhein-Gebiet, um das Eigentum eines Bronzegießers handeln, der es hier in unruhigen Zeiten verbarg und später nicht mehr abholen konnte.
1891 eröffnet, wurde der zunächst von der Gemeinde Dossenheim in eigener Regie betriebene Steinbruch 1908 vom badischen Staat gepachtet.
Nach einer Brandkatastrophe, die 1926 die Werksanlagen vernichtete, wurde der Gesteinsabbau an dieser Stelle nicht wieder aufgenommen. Zuvor hatte
man aber schon ein gutes Drittel der heute unter Denkmalschutz stehenden mittelalterlichen Ruine Schauenburg mitabgesprengt. an einem weitläufig steilwandigen Bruch lädt mit ruinösen aber durchaus romantisch wirkenden Mauern heute sogar manches junge Paar hier her zu seiner kirchlichen Trauung ein. Hier werten also auch wahrlich märchenhafte Trauungen den Ort sehr hoch auf.

Fotos oben: Nicht nur von jungen Pflänzchen sind die immer noch schönen, eindrucksvollen Mauern der alten Burgruine sehr gerne angenommen.
Wildwest
Die besonders eindrucksvolle Porphyrbruch-Kulisse der alten Dossenheimer Steinbrüche wurde nach 1920 genutzt, um hier kleine Wildwestfilme zu drehen. Der Ludwigshafener Filmregisseur Wilhelm Dietele hatte nach seiner Emigration sogar als William Dietele in Hollywood Erfolg. Von ihm stammt auch einer der ersten Nachkriegsfilme, der in den Ruinen Mannheims und den Hafenanlagen spielt. Jahrzehntelang hielt sich ein Verein, der im Steinbruch ein Indianerdorf gebaut hatte. Das Wildwest-Flair scheint allerdings unvergänglich zu sein. Denn neuerdings wird von einem anderen Verein eine Art Handelsplatz aufgebaut, wo selbst ernannte Indianer und Trapper in friedlicher Absicht beinander ihr ganz neuzeitliches Dasein nach alten Vorbildern fristen.
Lebewelt An der Trialbahn
Vom Parkplatz am oberen Ende der Schauenburgstraße beim früheren Steinbruch-Gelände direkt bei der Trialbahn, vorbei am Sumpf, hoch zur Ruine der Schauenburg führte eine Exkursion des Arbeitskreises Botanik im NABU Heidelberg. Rhyolith
nennen die Geologen den rötlichen, harten Porphyr, der entlang der Bergstraße ansteht.
Vogelknöterich (Polygonum aviculare) fand sich gleich am Parkplatz am Ende der öffentlichen Fahrstraße. Er hat als Besonderheit grüne Blütenblätter zu bieten, hier mit doch ausgeprägterm weißem Rand, die bei gleicher Art als Spielart der Natur bei manchen Exemplaren einen roten Rand haben können.
Die Blüten wirken wie Sternchen und sind noch besser unter der Lupe zu bestaunen. Der Vogelknöterich (Polygonum aviculare) gehört zu den Knöterichgewächsen).
Hübsch bunt grün und weiß, rosa ist das Farbspektrum der Garten-Fetthenne (Sedum speziosum), da zu den Dickblattgewächsen gehört. Es hat einen sternchenförmigen Fruchtknoten im Zentrum der Blüte.
Weitere Flora
Ein kurzes Stück weiter hinter dem Eingang zur Trialbahn fanden sich einige verbreitete wie auch seltene Pflanzenarten neben wenigen einfach zu registrierenden Tieren. Sie waren als Art gut zu betrachten, da der vorgegebene Pfad dazu nicht verlassen werden musste und bei mancher Art immer wieder gleich mehrere schön ausgebildete Exemplare ins Blickfeld kamen.
Die Heilpflanze Echte Goldrute (Solidago virgaurea) ist im Gegensatz zur Kanadischen Goldrute (Solidago canadiensis) eine einheimische Pflanze die typischer Weise in krautreichen Laubmischwäldern und - als niedriger wachsende Rasse - in Gebirgen vorkommt. Ein kleines Highlight: die Rapunzel-Glockenblume (Campanula rapunculus).
Rote Liste
Auch und gerade Exemplare der Rauhen Nelke (Dianthus armeria) erfreuen als Rote-Liste-Art besonders. Die Rauhe Nelke (Dianthus armeria), ein Nelkengewächs fand sich mit spärlicher Nachblüte in der Ruderalflora. Ihre rosa Blütenblättchen zeigen unter der Lupe hübsche weiße Pünktchen und hell-Dunkel-Differenzierungen innerhalb ihres Rosa.
Fürs Gehör
Ein Weinhähnchen (Oecanthus pellucens) war zu hören auf dem Areal, das auch zeitweise mindestens einen Uhu (Bubo bubo) beherbergen soll. Der aber könnte, wenn wiederkehrend, vor allem erst im Januar und Februar gut zu hören sein.
Verwechslungen
Weiter nach oben gegen Norden vom Eingang weg findet sich gut der Kleine Wiesenknopf (Sanguisorba minor) und die
Pimpinelle (Pimpinella saxifraga) beieinander. Schön im Vergleich sieht man, dass beide täuschend ähnliche Blätter haben. Die Kleine Bibernelle gehört jedoch zu den Doldengewächsen und der Kleine Wiesenknopf zu den Rosengewächsen. Auch die deutschen Namen bieten sich für Verwechslungen an, weil der kleine Wiesenknopf als Salatgewürz Pimpinelle genannt wird.
Mit Spinnen auf Tuchfühlung
Exotisch anmutend - aber doch ganz heimisch bei uns, hängt unweit hiervon eine Zebraspinne, auch Wespenspinne genannt, (Argiope bruennichi) in ihrem Netz mit dem für die Art charakteristischen kleinen weißen Zickzackband. Kein Problem für die Naturliebhaber, mit dem farbenfrohen Achtbeiner einamal direkt auf Tuchfühlung zu gehen.
Noch mehr Artenvielfalt
Weitere Rapunzelglockenblumen (Campanula rapunculus) auf dem Weg zur Ruine.
Das sehr stark im Lande vertetene Erigeron canadiensis begegnet auf weiterem Weg dem Besucher des alten Steinbruchgeländes.
Besondere Früchte 1
In der Mitte eines großen offenen Platzes noch weit unterhalb des Sumpfes mit reichlich gestörter bis zu nicht vorhandener (ruderaler) Bodenvegetation finden sich mehrere wohl ausgewachsene Berg-Weidenröschen, das hier in seiner Art typischer Weise keinerlei Probleme mit dem steinigen Boden hat.
Bei den Weidenröschen, welche ja auch zu den Nachtkerzengewächsen gehören, stehen die Samen mit ihren Haarbücheln so unter Spannung, dass sich ihr Zusammenhalt beim allmählichen öffnen der Klappen löst und die Samen einzeln weggeweht werden können. Weitere Fotos siehe Abschnitt Besondere Früchte 2.
Weiter den Weg in den Wald hinauf kommt einige Meter vor dem Sumpf vorbei an einem Exemplar der Hundspetersilie (Gleiße, Aethusa cynapium). Hochgiftig ist sie, die Hundspetersilie (Aethusa cynapium), die zu den Doldengewächsen zählt. Die Blätter glänzen auf der Unterseite stark, ihr Geruch ist beim Zerreiben zumindest auffällig. Niedlich erscheinen manchem Betrachter die je drei schmalen Hüllchenblätter, die von den Döldchen nach außen abgespreizt stehen.
Farbverstärker
Am schon sichtlich stark trocken gefallenen Sumpf fällt die aus Nord-Amerika stammende Amerikanische Kermesbeere (Phytolacca americana) auf. Sie gehört - leicht zu merken - zu der Gruppe der Kermesbeerengewächse. Sie ist ein Neophyt, ein junger Einwanderer, der sich im Heidelberger Wald schon sehr weitläufig sehr breit macht.
Bei ihr bleibt der fünfzackige weiße Kelch auch nach Pflücken der Beeren am Stiel. Die Kermesbeere ist in Heidelberg zunehmend aus Rebkulturen verwildert anzutreffen, da sie in früheren Jahren als Farbverstärker für Rotwein diente und deshalb angesiedelt wurde, wo auch Weinreben gezogen wurden.
Hangschutt
Auf einer ausgedehnten Hangschutthalde findet sich typischer Bewuchs von Birke und Linde und anderen Pioniergehölzen. An Mauerresten der Ruine auf mehr oder minder steinigem Boden finden sich die Nesselblättrige Glockenblume und eine Pfirsichblättrige Tollkirsche (Atropa sp.) (Fotos)
Blau machen
Noch weiter zur Ruine hinauf befinden sich das Gewöhnliche Leinkraut und bereits abgestorben, ein Rest Färberwaid (Isatis tinctoria), der hier "weit und breit" seinen einzigen Standort hat. Aus vergorenem Färberwaid wurde früher auch in Deutschland das Indigo, ein blauer Farbstoff hergestellt. Seine eigentliche Heimat ist Südosteuropa und Westasien.
Besondere Früchte 2
Fotos: Weidenröschen. Die Früchte der weiter oben kommenden Burgmauer wachsenden Nachtkerze (Oenothera biennis), ein Nachtkerzengewächs, öffnen sich in gleicher Weise wie die der Weidenröschen mit vier schmalen Klappen, wobei eine Scheidewand im Zentrum stehen bleibt. Die Kapseln des Gewöhnlichen Leinkrautes (Linaria vulgaris), ein Rachenblütler, bestehen dagegen aus zwei Kammern.
Auch die rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia) ist mit wachem Auge nicht zu übersehen.
Direkt auf einer Mauer wächst das Sonnenröschen (Helianthemum nummularium), das erst wieder den Hirschacker bei Schwetzingen als nächsten Standort hat.
Die Burgruine
Erfreulicherweise konnte die Exkursionsgruppe des NABU Heidelberg anhand der mitgebrachten Fotos mit den Auflagen der Denkmalsschutzbehörde feststellen, dass der Schauenburgverein sich gut an die Vorgaben gehalten hat. Zur Erinnerung: im Jahr 2005 war der Verein seit zwei Jahrzenten dabei, die noch vorhandenen Mauern der Burgruine frei zu legen und vor weiterem Verfall zu sichern. Die Sicherung geschieht, indem man die Fugen zwischen den Steinen mit Mörtel verfüllt und wohl auch hie und da eine Lage Mauersteine wieder aufmauert. Der Arbeitskreis Reptilienschutz des NABU bemüht sich erfolgreich darum, für eine kleine hier lebende Gruppe der seltenen, bedrohten Mauereidechsen den Lebensraum zu bewahren. Dazu gehören auch Löcher in den Mauern als Verstecke.
Ruderal-Salat
Gar nicht selten aber schön - eine blaue Blume wartet auf dem Weg zur Burgruine.
Es ist die Wegwarte (Cichorium intybus) ein Korbblütler. Varietäten unserer Wegwarte sind die Kaffezichorie und die Salatzichorie (Chicoree), die alle beide Kulturformen sind. Häufig zusammen mit der Wegwarte wachsen Schafgarbe, Bitterkraut und die Echte Goldrute (Solidago virgaurea) ebenfalls ein Korbblütler. Alle drei waren auf dem Trial-Sportgelände zu finden, denn sie bekommen hier leicht über Jahre das, was sie suchen, als wärmeliebende Ruderalflora.
©2005 www.mareno.net / Volker Violet
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