Mareno.net / AK Botanik, NABU Heidelberg
Botanik in HD-Neuenheim Neckar aufwärts am Nordufer und am NSG Russenstein
Einführung
Mareno.net übernahm auf Wunsch von Volker Violet am 10. Juli 2008 die Führung für private Interessierte und Studenten, wie sie der AK Botanik in der Regel donnerstags anbietet. Thomas Hartmann führte dabei die botanische Exkursion mit geologischen Ausblicken. Die Exkursion führte zunächst vom Wehrsteg bei Heidelberg Neuenheim bis wenige 100 Meter weiter östlich entlang des Neckars. Dem schloss sich auf einem Serpentinen-Pfad der Gang bergaufwärts zum Russenstein an. Hier am westlichen Ausläufer des Naturschutzgebietes (NSG) Russenstein erläuterte der Exkursionsleiter noch bodenkundliche wie auch andere geologische Aspekte im botanischen Zusammenhang.
Insbesondere die geologische Wechselhaftigkeit beim NSG, die teils schon extreme Hanglage, wie auch die wiederum hieraus resultierende lichte Baumschicht war ein ausgesprochenes Beispiel für das Zusammenwirken von Faktoren, die eine ungewöhnlich große biologische Vielfalt in allen Etagen des Mischwaldes garantierte. Löß, Granit, Granitgrus und Buntsandstein als Bodenbildende Ausgangsmaterialien wurden angesprochen. Auffällige Vielfalt an Gehölzen am Hang: u. a. Tanne, Feldahorn, Bergahorn, Robinie, Eibe, Eiche, Esche usw.
Teilnehmer: 7 Studenten und 5 weitere botanisch Interessierte. Dauer ca 2 Stunden. Wegstrecke: ca 500 Meter hin und den gleichen Weg zurück. Kulinarisches: genügend.
Die Botanik entlang des Fußweges direkt am Neckar
Die Ahornblättrige Platane (Platanus hybrida) im Bild links und Acer Pseudo-Platanus im Bild unten. - Wie ein Wortspiel stehen die beiden botanischen Namen hier nebeneinander. Die Ähnlichkeit der Namen gebenden Blätter beider weit voneinander entfernt verwandten Baumarten ist unübersehbar. Direkt neben einander stehen sie hier am Neckar als Musterbeispiel wie ein botanischer Garten, ein Arboretum geplant sein könnte.
Bergahorn (Acer pseudo-Platanus). Eßbar sind Blätter, Samen, Blüten
Mädesüß (Filipendula
ulmaria) (Foto: ohne Blüten) ist eine Fundgrube für Sprachforscher.
Ganz sicher der englische Artenname Sweet Meadow (meadow = Wiese), unsicher jedoch die Maid bei der Mahd, Mädchen - sie können in Verbindung mit Mädesüß gebracht werden. Die nahe Verwandtschaft mit Mahd und meadow ist sicher. Die Verwandschaft mit Met nicht ganz von der Hand zu weisen. In manches später alkoholische Getränk (wie auch Bier) kam sie zum Süßen und Gären. Süß schmeckt und riecht die Blüte. Das war an sich schon Namen gebend. Auch roh ist die Blüte eßbar.
Foto: Blüte des Mädesüß. Unklar und teils nicht als verwandte Worte gesehen sind Mädchen, M&tauml;gdchen, Mädel und Mägdelein. Diese sind die Verkleinerungen zu Magd und Maid. Magd steht als mittelhochdeutsches Wort für (unfreies) Mädchen, Jungfrau oder Dienerin. Die standen früher zu Hauf bei der Mahd auf den Wiesen, während das sog. harte Geschlecht andere Ernte mit dem Ochsen und Pferden beschaffte.
Lässt sich der Bogen schlagen zu dem Wort Mahd? Mahd nennt man sowohl die (Berg-) Wiese als auch das Mähen derselben. Mahd leitet sich von althochdeutsch mad und entsprechend mhd. mat her. Verwand sind Mähr bzw. Mähder und andere mehr.
Am Blutweiderich (Lythrum salicaria) findet man drei verschiendene Blütenformen. Länge der Griffel und der Staubfäden sind jeweils verschieden lang, so dass Bestäuber an verschiedenen Körperstellen mit Pollen beladen werden. Auch die Größe der Pollenkörner und Narbeneinbuchtungen ist verschieden, so dass letztendlich Selbstbesstäubung völlig unmöglich wird. Bemerkenswert ist, dass die Farbe der Blüten, wie sie in der Literatur dargestellt wird, vom subjektiven Eindruck der echten Pflanze auf den Betrachter oft enorm abweicht. Früher wurde es als Blutstillendes Mittel eingesetzt.
Die gelbe Teichrose (Nuphar luteum) aus der Familie der Seerosengewächse steht vielfach unter Naturschutz und ist eine von mehreren hier auf dem Neckar zu findenden Pflanzen mit Schwimmblättern. Sie wurzelt im Schlamm.
Das Glaskraut (Parietaria judaica)ist eine alte Heilpflanze für bestimmte Nieren-, Blasen- und Unterleibserkrankungen. Seine Verwandschaft mit den Brennnesseln ist bei genauerer Betrachtung schnell zu erkennen. Beide gehören in die Familie der Nesselgewächse (Urticacaeen) Seine Stängel brechen wie Glas.
Glaskraut (Parietaria judaica). Es wächst hier in der Gegend typischer Weise gerne auf Mauerwerk, das aus dem hier mächtigen Buntsandstein des Odenwaldes gebaut ist.
Die Große Klette (Arctium lappa) ist ein Beispiel aus der Bionik. Die Klette stand Pate bei der Entwicklung des Klett-Verschlusses. Die jungen Blätter, Wurzel und Blattstengel sind eßbar.
Große Klette (Arctium lappa)
Große Klette (Arctium lappa) und das Heidelberger Schloss im Hintergrund.
Ein Großer Wegerich, auch Breiter Wegerich genannt (Plantago major) kommt selten allein. Er säumt oft größere Wegabschnitte, was ihm seinen Namen verlieh. Das rich in Wegerich steht für Reich und König. Der Wegerich wird also auch König der Wege genannt. In Pfannkuchen machen sich die Blätter gut.
Das Weidenröschen (Epilobium hirsutum) gehört in die Familie der Nachtkerzengewächse. Alle Weidenröschen sind in ihren zarten Teilen gut eßbar.
Das Indische Springkraut heißt auch Drüsiges Springkraut (Impatiens glandulifera). Es ist ein Neophyt aus dem Himalaya, der die heimische Flora an Flüssen verdrängt. Die Samen können gegessen werden.
Ein Japanischer Stauden-Knöterich (Reynoutria japonica) liefert im Frühling essbare Schößlinge. Japaner essen auch die grünen Blätter. Er kann in Deutschland also nicht nur als neutrale oder schädliche Pflanze gesehen werden. Schützern der heimischen Flora ist der Neophyt oft ein Dorn im Auge.
Die Mauerraute (Asplenium ruta-muraria) genießt in Europa vor allem in typischen Pflanzengesellschaften amtlichen Schutz. Sie ist in unserer Region eine ganz typische Farn-Art an vielen Buntsandstein-Mauern.
Der Wasserdost, auch Wasserhanf genannt (Eupatorium cannabinum) zeigt sowohl über seinen wissenschaftlichen wie auch deutschen Namen, welche Blattform er etwa hat. Er selbst ist in der Familie der Korbblüter zu Hause.
Der Wiesen-Storchschnabel (Geranium pratense) hat seinen Namen von seinen reifenden Fruchtständen bekommen, die an Storchenschnäbel erinnern. Bei dieser Art senken sich die bestäubten Blütenstiele und die Frucht hebt sich dann wieder während ihrer Reifung. Blüten und Blätter sind gut genießbar und Schmuck im Salat.
Die Ross-Minze (Mentha longifolia) wird in der Literatur oft als stinkend oder muffig beschrieben. Diese Meinung teilen nicht alle Probanden mit den Autoren - die auch mal einen Tee damit kochen oder aus allen noch zarten Teilen deftig würzend ein Essen bereiten.
Wilde Möhre (Daucus carota), Blüte. Die Geruchsprobe kann außerhalb der Blütezeit hilfreich zum Bestimmen sein.
Nur junge Samen und die Wurzel eignen sich zum Essen und Genießen. Wie bei der Zuchtform der Möhre ist das Kraut ungenießbar oder gar giftig.
Wilde Möhre (Daucus carota)
Wilde öhre (Daucus carota).
An der zentralen schwarzen, schwarzvioletten Blüte (dem sog. Mohr) ist die Wilde Möhre und Zuchtmöhre von anderen Doldenblütlern sehr leicht zu unterscheiden.
Wilde Möhre (Daucus carota). Aus Möhrenblüten-Ständen bilden sich bei Feuchtigkeit Vogelnest ähnliche Formen aus, in denen dann oft verschiedene Tiere (hier Bodenwanzen) Schutz und Bleibe suchen.
Der Spitz-Wegerich (Plantago lanceolata) ist ein leckeres Wildgemüse und evtl. ein bewährtes Hustenmittel.
Zweijäriges Berufkraut bzw. Berufskraut (Erigeron annuus), auch Deutscher Feinstrahl genannt. Dieser Korbblüter spielte früher eine sehr große Rolle in der Volksheilkunde. Unter anderem auch zur Berufsfindung und gegen Verhexung soll er geholfen haben. Noch im ersten Weltkrieg hatte er große Bedeutung als blutstillendes und blutreinigendes Mittel u. v. a. m., nicht nur an der Front. Das noch weiche Berufkraut macht sich fein geschnitten gut in Kräuterquark.
Ergänzende Hinweise für die Studenten
Genannt wurden weiterhin am Neckar
- Wegwarte (am Wegrand am Neckar)
- Wiesen-Flockenblume (am Wegrand am Neckar)
- Wasserminze (jedoch nicht gefunden! Alle gefundenen Minzen waren Rossminze)
- Katzenschweif, Kanadisches Berufkraut (Erigeron canadensis)
- noch Fragen? - Diese gehen an Thomas.Hartmann *at* mareno.net
Das Naturschutzgebiet Russenstein
(+) bei der Exkursion vorgefunden
3,5 ha ist das Naturschutzgebiet Russenstein groß.
Es umfasst einen Ausschnitt des steilen und felsigen
Neckartalhanges zwischen den Heidelberger Stadtteilen
Neuenheim und Ziegelhausen. Der nach Süden ausgerichtete
Felshang besteht aus Granit (+) und seinem Verwitterungsprodukt Granitgrus (+), der gegen seinen östlichen Hangfuß hin
zunehmend mit Löß (+), Lößlehm (+) und humosen Bodenbildungen (+) überdeckt ist. Er untergliedert sich in mehrere trockene Hangrippen mit
einzelnen exponierten Felsgruppen und dazwischenliegenden, feuchten Rinnen (+) mit sporadischer Wasserführung. Am Hangfuß finden sich
einige, meist überwachsene Steinschüttungen.
In einem Gutachten von E. Oberdorfer aus
den fünfziger Jahren wird vor allem die wärmeliebende Vegetation auf den flachgründigen
felsigen Granitverwitterungsböden und auf
den offen zutage tretenden Granitfelswänden (+)
und -felsköpfen hervorgehoben. Auf dem steilen und flachgründigen Hang stand damals
ein wärmeliebender Birken (+)-Stieleichen (+)-Wald mit dem Elsbeerbaum als wärmezeitlicher Reliktpflanze. Die Felsstandorte zeichneten sich
durch seltene Felsspaltengesellschaften mit
Schwarzem Strichfarn oder durch Felsbandgesellschaften mit Felsen-Fetthenne und Frühlings-Ehrenpreis aus. Auf den tiefgründigen
Lößstandorten wuchs außerdem ein Eichen-
Hainbuchen (+)-Wald mit einzelnen Linden. Die
feuchten, schluchtartigen Steilrinnen waren
von einem Winkelseggen-Erlen-Eschen (+)-Wald
gesäumt.
Die Hauptfläche des Granithanges wurde allerdings - bei mittlerer Gründigkeit
des Gesteinsverwitterungsbodens - von einem artenarmen Eichen-Buchen (+)-Wald eingenommen.
Diese weitgehend natürlichen Waldgesellschaften sind auch heute noch vorhanden.
Zunehmende Beschattung und erhöhte Nährstoffeinträge führten jedoch
zu einem starken Rückgang seltener Farne (+), Blütenpflanzen (+) und
Flechten (+). Vor allem im unteren Hangbereich,
entlang der Neckartalstraße und dem Haarlassweg, werden häufig Abfälle (besonders
Gartenabfälle) abgelagert. Die Nährstoffzufuhr fördert unter anderem die Entwicklung de Waldrebe (+), die den natürlichen Waldrand aus
Eiche (+), Hainbuche (+), Linde und Feld-Ahorn (+) inzwischen nahezu vollständig verdrängt hat. Auch die Robinie (+),
die mit ihren Knöllchenbakterien als Leguminose vom Fremdeintrag an Stickstoff
ohnehin unabhängig ist, stellt wie so oft im europäischen Naturschutz
auch hier als unbeliebter Neophyt ein invasieves, verdrängendes Problem dar.
Neben den schutzwürdigen Pflanzengesellschaften bestimmen aber auch die
geologischen Gegebenheiten den besonderen Wert des Gebietes. Der unter den mächtigen
Buntsandsteinbergen (+) des Odenwaldes liegende Granit (+) tritt im Neckartal nur bei Heidelberg
zutage. Außerdem findet sich am Fuß des Granithanges der "locus typicus"
des Löß (+). Geht man den Haarlassweg von der Neckartalstraße aufwärts, so erreicht
man nach ungefähr 200 m hangseits einen Lößaufschluß. Hier entnahm
K. C. von Leonhard im Jahre 1824 erstmals
Bodenproben und führte das Sediment unter
dem Begriff löss in die wissenschaftliche Literatur ein.
In der Folgezeit gelangten durch das
-Heidelberger Mineralien Comptoir- zahlreiche Belegstücke des -Loess vom Haarlass- in
die Sammlungen erdwissenschaftlicher Institute und Museen. Dieser Aufschluss ist heute
beinahe vollständig unter abgerutschter und bewachsener Erde verschwunden.
Die landesweite Biotopkartierung der Landesanstalt für Umweltschutz (LfU)
Baden-Württemberg (1985/86), die Stadtbiotopkartierung Heidelberg (1991),
die Waldbiotopkartierung (1992/93) und eine ökologische
Bestandsaufnahme und Bewertung der Felsbiotope
im Stadtgebiet Heidelberg (1993) weisen
auch die weiteren Felsformationen, Lößaufschlüsse
und Quellaustritte im Umfeld des Russensteins als besonders schutzwürdig aus.
Der Naturschutzbeirat der Stadt Heidelberg
empfahl deshalb 1994, das Naturschutzgebiet
zu erweitern.
Seinen Namen verdankt das Gebiet
übrigens einem inzwischen stark verwitterten
Gedenkstein an der Abzweigung des Haarlassweges. Soweit die Inschrift noch zu
entziffern ist, soll hier ein Kutscher des russischen
Großfürsten Michael namens Theodor
Rudolph Perewicsch im Jahre 1815 im Neckar
ertrunken sein. Halbwegs deutlich zu lesen ist
noch der Spruch: Hier starb im Dienste seines
Herrn, der mit der Russen Heeresbann gezogen war aus weiter Fern, ein treuer Knecht,
jetzt stiller Mann.
Am Russenstein wurden bei der mareno-NABU-Exkursion erläutert:
- Feldahorn (am Neckar erst nur erwähnt, am Russenstein entdeckt)
- in diesem Abschnitt oben und in der Einführung genannten Gehölze
- Gesteine am Berghang (laut Text oben und wie hier mit bodenkundl. Aspekten wie folgt):
- Lößlehm als Lockersediment (typischer Weise B-Horizont)
er bietet als unverwitterter C-Horizont sehr vielen Pflanzenarten
auch ohne Bodenbildung ausreichend Nährstoffe
- Granit (C-Horizont, da unverwittertes Ausgangsgestein)
und sein Verwitterungsprodukt:
- Granitgrus (bildet hier und vielfach an der Bergstraße einen A-Horizont mit oder ohne ausgeprägten B-Horizont)
wenn der A-Horizont komplett fehlt, wachsen auf diesem typ. Weise sog. Pionierpflanzen
- Buntsandstein (regional verbreitetes Ausgangsgestein, also C-Horizont)
Quellen auf dieser Seite
Texte: © 2008 Thomas Hartmann, Marina Wilhelm
Quellen zu Russenstein:
- eigene Beobachtungen und Untersuchungen
- Andreas Wolf in: Die Naturschutzgebiete im Regierungsbezirk Karlsruhe, Thorbecke, ISBN 3-7995-5172-7
Fotos © 2008: Caudia Zieboll, www.mareno.net (Thomas Hartmann)
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